Indienreise, Ostern 2010
Vom 02.05.2010

Als wir -Frau Daemgen, sechs Schülerinnen aus den Jahrgangsstufen 9 und 10, und ich- uns am 29. 3. zur zweiten Pilot-Indienreise kurz vor sechs Uhr am Wuppertaler Bahnhof trafen, ahnten wir, dass uns ein Abenteuer bevorstünde. Wir sollten nicht enttäuscht werden. In Solingen gesellten sich zwei Kollegen und sechzehn Schülerinnen und Schüler aus den Jahrgangsstufen 11 bis 13 hinzu. Obwohl „wir“ Wuppertaler deutlich jünger waren, verlief das Aufeinander-Zugehen reibungslos, und es entstand im Laufe der Zeit ein herzliches Miteinander.
Der Flug und die Busfahrt zum Hotel in Delhi, wo Herr Singh uns empfing, waren gewiss anstrengend; nicht nur an diesem ersten Tag mussten wir abends schnell aus- und morgens schnell wieder einpacken, um uns für die nächste mehrstündige Zug- bzw. Busfahrt zu rüsten. Das Angebot war aber derart überwältigend, dass man dies gerne in Kauf nahm.
Hier möchte ich beispielhaft einige wichtige Erlebnisse benennen.
Der Goldene Tempel in Amritsar und die Religiosität der Menschen dort waren sehr beeindruckend; hier konnte jeder Tourist und jeder Bedürftige eine kostenlose Mahlzeit erhalten, was einige Mädchen bewog, sich beim Erbsenlesen in der Küche zu beteiligen. An diesen Ort gelangten wir mit den „three-wheelers“, dreirädrigen, offenen Autos, deren Fahrer ein Übermaß an Wachheit brauchen, um sicher durch enge Gassen voll mit Menschen, Kühen, Rädern, Rikschas, sitzenden Menschen, Hunden und Pferden zu gelangen. Am selben Tag besuchten wir noch Jalianwala Bagh mit dem Märtyrerbrunnen, zu dem friedlich Demonstrierende (auch Frauen und Kinder) seinerzeit vergeblich geflüchtet waren, um dem Massaker durch die englischen Kolonialherren zu entgehen.
So bot schon der erste Tag eine überwältigende Fülle von Eindrücken: die noch zu sehenden Einschusslöcher, das Ausziehen der Schuhe im Tempel, die entwürdigende Armut, der dann folgende Flaggenappell an der pakistanischen Grenze – wer ein offenes Gemüt hat, nimmt wahr und denkt nach. So entstanden zwischen den Schülerinnen und den Erwachsenen auch viele Gespräche.
In Chandighar konnten wir dank Herrn Singh sogar Nek Chand treffen, den Begründer des „Rock Gardens“, einer Kunstoase aus Schrott. In der Paragon School kamen wir in Berührung mit der legendären indischen Gastfreundschaft, wurden versorgt und trugen Goethes „Zauberlehrling“ vor; die Solinger Schülerguppe hatte deutsche Lieder vorbereitet.
Weiter ging es in die Berge. Auch die Busfahrten waren erlebnisintensiv: Zu beobachten waren ästhetisch ansprechend gestaltete Lastwagen, Nischen mit Gottheiten am Wegrand, denen die Busfahrer Achtung zollten, Pilger und bunte Ortschaften. Es folgten die Fahrt mit einem Toy Train, der Besuch des Taj Mahal und der Geisterstadt Fatehpur Sikri, der Gang durch den Bazar von Jaipur und dabei erste Erfahrungen mit dem Handeln. Wenn man daran zurückdenkt, hört man das ständige Hupen, riecht die Düfte der Gewürze und auch der weniger anregenden Nischen an den Häusern, spürt die unebenen Straßen und wundert sich, dass keiner von uns verlorenging und dass keinem etwas passierte.
In Rishikesh traten in unseren Blick dann der Himalaya und der Ganges, der an dieser Stelle wie ein sauberer Gebirgsbach wirkte, wenn er auch schon so breit wie ein Fluss war. Obwohl die Temperaturen stiegen, hatten wir „indische Gelassenheit“ entwickelt. Unsere Schülerinnen waren Profis im Umgang mit Unpässlichkeiten verschiedenster Art; sie halfen sich auch gegenseitig – welch ein schönes „Nebenprodukt“ dieses Unterfangens. Wir wurden Zeugen des Arti-Festivals und tauchten unsere Füße in den heiligen Fluss, wurden durch einen Ashram geführt und erlebten – wieder dank Herrn Singh – eine Begegnung mit Sunderlal Bohuguna, dem Begründer der Chipko-Bewegung. Er appellierte in seinem Vortrag im Hotel an die Kräfte, die der Jugend zugeteilt sind, um etwas zu verändern, erzählte von der Wichtigkeit der Bäume für den Menschen und beantwortete viele Fragen. Inhaltlich gibt es Parallelen mit der europäischen ökologischen Bewegung; trotzdem ist es etwas anderes, direkt zu erleben, wenn eine Persönlichkeit wie er spricht, der sein Leben einer wesentlichen Sache gewidmet und z.B. mit Gandhi einen Tag vor dessen Ermordung telefonisch gesprochen hat.
In Haridwar wurden wir Zeugen religiöser Feierlichkeiten: Geschmückte Wagen mit Yogis und „tanzenden Göttern“ zogen durch die Straßen voll unzähliger Menschen.
Zurück in Delhi begaben wir uns wie geplant in die Springdale School, die wir an einem zweiten Tag zur Durchführung der Schreibwerkstatt, die mit einem Studientag in Solingen beendet werden wird, noch einmal besuchten. Wie schön, dass am 10. Mai die ersten Lehrerinnen und Schüler von dort zu uns kommen!
Bevor wir uns am letzten Abend von den Solingern verabschiedeten, die einen Tag früher zurückflogen, dinierten wir in einem sehr guten Restaurant in Anwesenheit des welterfahrenen Kulturattaches der Deutschen Botschaft, Herrn Groll; wir durften über den Teppich gehen, der für eine Hochzeitsgesellschaft ausgelegt war, und erlebten, wie der Bräutigam zu Pferd kam…
Am letzten Tag waren wir allein, machten noch einen kurzen Abstecher in das Mahatma- Gandhi- Museum und das Kunstmuseum in Delhi und erkundeten die Gegend um unser Hotel.
Fazit?
In einer globalisierten Welt, in der jeder Sechste ein Inder sein wird, ist es wichtig, sich kulturell auszutauschen.
Die Schülerinnen haben die so bezeichnete größte Demokratie mit ihren Elementen vom Mittelalter bis zur Neuzeit wahrgenommen - den Verkehr, die Umweltverschmutzung, die unbeschreibliche Armut und Überbevölkerung wie auch den Reichtum und die kulturelle Pracht. Sie kamen in den Hotels, in der Schule, beim Einkaufen, in den Zügen und auf der Straße mit vielen Menschen ins Gespräch. Manche Erlebnisse werden ihren Wert erst später zeigen, einige Beobachtungen werden in den Fächern Erdkunde, Englisch, Sozialwissenschaften und Religion noch ihre Deutung finden, viele Eindrücke werden sicher für das ganze Leben bleiben und persönlichkeitsbildend sein.
All das sind Gründe, diese Fahrt, wenn auch mit einigen Modifikationen, in der Schule zu etablieren. Verständnis reift durch Begegnung.
Elke Brackmann, 28.04.2010
